Betrachtung der Gegenwart mit den Mitteln der Romantik?

Die neue Romantik entsteht als Reaktion auf einen überholten Begriff von Modernität, der Kunst nur innerhalb eines gesellschaftlichen Kontextes zulässt. Das führt dazu, dass die Kunst es nicht mehr schafft, sich über das Niveau zu erheben, das die Gesellschaft, die sie reflektiert, erreicht.
Die Romantik erkennt das elementare Kunsterleben.
Wie in einem Teilchenbeschleuniger Elementarteile aufeinanderstossen, so trifft der romantische Künstler auf das Objekt. Das ist der romantische Prozess. Was im Beschleuniger der Teilchenschauer, ist im künstlerischen Prozess das Kunstwerk. Es ist ein "mich finden lassen", was mich zum Bild kommen lässt. So wie ein Musiker in einem Stück einsetzt, so löse ich meine Kamera aus.

Neuen Techniken provozieren immer wieder eine Rückkehr zu früherem Kunstverständnis. Den Künstlern der ersten Romantik standen viele künstlerischen Mittel nicht zu Verfügung, sie konnten deshalb vieles künstlerisch nicht untersuchen.
In der Malerei ist es der Duktus der Feder oder des Pinsels, der das Bild beherrscht. Die Gefühlslage des Künstlers, erregt durch die Stimmung des Ortes, prägt also die Darstellung. Dieses fehlt in der Fotografie. Nur eine fotografische Aufnahme des Gegenstandes kann die Forderung nach Realität in der Romantik erfüllen. Das Foto scheint der Beweis zu sein, dass Romantik keine Erfindung des Künstlers ist, sondern im Objekt selber liegt. Was ist dann aber Romantik?
Romantik ist die Idee, dass Transzendenz einen natürlichen Ursprung hat, in der Welt schon vor dem Menschen vorhanden war und unabhängig von ihm existiert.
Der Ort wird nicht im Kunstwerk zur Fiktion, er ist Abbildung der Transzendenz oder vielleicht sogar Erzeuger, oder: die scheinbare Fiktion des Kunstwerk ist die Abbildung der realen Transzendenz des Ortes.

Der Künstler ist der Seismograf für diese Transzendenz. Daraus ergibt sich in meinen Bilder die Zentralität, da ich das Bild nicht komponiere, sondern eine Dokumentation durchführe. Die scheinbare Unschärfe des Bildes ist die Simulation des objektiven Netzhautabbildes. Das fotografische Objektiv herkömmlicher Bauart kann nicht den wesenhaften Eindruck eines Ortes wiedergeben, es reproduziert vielmehr die Vorstellung des Ingenieurs eines Optikproduzenten von Authentizität und damit die Authentizitätsanmaßungen der Gesellschaft, die diesen Ingenieur hervorgebracht hat.

Eine grundsätzliche Neuerung der digitalen Kunst ist die Unmöglichkeit des Betrachtens der Skizze. Sie liegt in Zahlen verschlüsselt auf magnetischen Scheiben. War mit dem analogen Film das Negativ real sichtbar, interpretierbar und fassbar, so ist die Aufnahme des digital arbeitenden Fotografen virtuell. Sie ist viel eher Idee und Gedanke. Erst und nur mit anderen Mitteln kann diese Idee immer wieder sichtbar werden. Ich sehe darin große Übereinstimmungen mit der Musik. Das provoziert eine neu Aufführungs- und Interpretationspraxis. Interpret dieser Ideen ist zur Zeit noch ausschließlich der Autor. Ich sehe für die Zukunft neue Arbeitsweisen. Autoren/Fotografen werden ihre Skizzen zur Interpretation freigeben. Nicht ein Laborant wird Abzüge nach der Vorstellung des Fotografen machen, sondern ein Künstler den rohen Text neu interpretieren können. Ein Vorgehen, das eine neue Generation von Fotografen braucht.

Ich verwende zur Auslotung meiner subjektiven Sichtweise teilweise von mir selbst entwickelte und gebaute Objektive.
Meine Objektive beruhen auf Einlinsern, die in ihren Abbildungsmöglichkeiten intendiert reduziert sind. Man kann dies als Anknüpfungspunkt auf den Beginn der Fotografie verstehen. Auf die so gewonnenen beschränkten Darstellungen meiner Einlinser trifft die Technik einer heutigen Digitalkamera. Das abgelichtete Sujet wird optisch durch die Einlinser begrenzt, zugleich wird die ästhetische Dimension der alten Technik durch die moderne digitale Bildverarbeitung ausgereizt.
Jedes meiner Bilder als Datensatz im Computer erfährt beim jeweils erneuten Öffnen der Datei eine neue künstlerische Auswertung. Diese sich ständig neue herstellende Gestaltung meines Bildmaterials kontrastiert die scheinbar permanente Reproduzierbarkeit und Anonymität des Immergleichen in der digitalen Fotografie. So existieren die meisten Bilder ausschließlich in einer Druckausgabe.
Ob die Begriffe "Neue Deutsche Romantik" oder "Neuer Piktoralismus" für meine Arbeiten zutreffend sind, muß der Betrachter entscheiden.
Mehr dazu unter Konzept
Theaterarbeiten über den Kastanienball von Stefan Winter , die in Zusammenarbeit mit Rosemarie Schneider, beautyful company, entstanden sind, wurden bei den Stanser Musiktagen 2005 im Nidwaldner Museum gezeigt.

das roh projekt